BRICS-Staaten aus deutscher Sicht: Konkurrenz zur westlichen Wirtschaft?
BRICS-Staaten aus deutscher Sicht: Konkurrenz zur westlichen Wirtschaft?
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Stell dir vor: Du bist Geschäftsführer eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens in Bayern. Jahrelang hast du erfolgreich nach China exportiert, Rohstoffe aus Brasilien bezogen und Aufträge aus Indien gewonnen. Dann, im Jahr 2025, liest du in den Nachrichten, dass der BRICS-Block offiziell ein eigenes Zahlungssystem einführt, das den US-Dollar als Leitwährung umgehen soll. Plötzlich fragst du dich: Ist das der Beginn einer neuen Weltordnung – und was bedeutet das konkret für Deutschland?
Diese Frage beschäftigt nicht nur bayerische Maschinenbauer, sondern die gesamte deutsche Wirtschaft, Politikkreise und internationale Think-Tanks. Der BRICS-Block – ursprünglich ein akademisches Konzept des Goldman-Sachs-Ökonomen Jim O’Neill aus dem Jahr 2001 – hat sich zu einem geopolitischen Schwergewicht entwickelt, das die globalen Machtstrukturen aktiv herausfordert.
Seit der Erweiterungsrunde von 2024 und den weiteren Beitrittsprozessen bis 2026 umfasst der Block mittlerweile über ein Dutzend Staaten und repräsentiert mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung sowie rund 35 Prozent des globalen BIP (nach Kaufkraftparität). Deutschland, als exportabhängige Wirtschaftsmacht im Herzen Europas, steht vor einer strategischen Weggabelung: Kooperation, Konkurrenz oder kluges Management beider Dynamiken?
Inhaltsverzeichnis
- Was ist BRICS? Vom Akronym zur geopolitischen Allianz
- Die wirtschaftliche Kraft des BRICS-Blocks in Zahlen
- Deutschland und BRICS: Zwischen Abhängigkeit und Diversifikation
- Wo der Wettbewerb am härtesten wird
- De-Dollarisierung und die Folgen für den Euro
- Chancen statt Angst: Was Deutschland gewinnen kann
- Die drei größten Herausforderungen für deutsche Unternehmen
- Fallstudien: Wie deutsche Unternehmen reagieren
- Häufig gestellte Fragen
- Strategischer Ausblick: Deutschland neu positionieren
Was ist BRICS? Vom Akronym zur geopolitischen Allianz
BRICS war ursprünglich nichts weiter als ein Investmentbankjargon – eine Abkürzung für Brasilien, Russland, Indien und China, ergänzt um Südafrika. Doch was als Anlageempfehlung begann, hat sich zu einer ernsthaften geopolitischen Plattform entwickelt, die die westlich dominierte Weltordnung herausfordert.
Auf dem historischen Gipfel in Johannesburg 2023 beschlossen die BRICS-Staaten die größte Erweiterung ihrer Geschichte. Ägypten, Äthiopien, Iran, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate traten 2024 offiziell bei. 2025 und 2026 folgten weitere Länder im sogenannten “BRICS-Partner”-Status, darunter Indonesien, Vietnam und Nigeria. Damit ist BRICS nicht mehr nur ein Club der aufstrebenden Volkswirtschaften – es ist eine alternative geopolitische Plattform geworden.
Was BRICS eint – und was es trennt
Wer glaubt, BRICS sei ein homogener Block mit gemeinsamen Werten, irrt sich gewaltig. Demokratisches Indien und autoritäres China teilen eine tiefe gegenseitige Rivalität. Russland und Brasilien haben kaum gemeinsame Interessen außer dem Wunsch, westlichen Einfluss zu reduzieren. Was die Mitglieder eint, ist weniger eine positive Vision als ein gemeinsames Narrativ: die Ablehnung einer von Washington und Brüssel dominierten Weltordnung.
Das verbindende Element ist strukturell: Alle BRICS-Staaten fühlen sich durch internationale Institutionen wie IWF, Weltbank und WTO strukturell benachteiligt. Sie wollen mehr Gewicht in globalen Entscheidungsprozessen – und sind bereit, dafür alternative Strukturen aufzubauen.
“BRICS ist weniger ein Block als eine Koalition der Unzufriedenen – aber das macht es nicht weniger gefährlich für die westliche Wirtschaftsordnung.” – Prof. Dr. Hanns Günther Hilpert, Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin (2025)
Die wirtschaftliche Kraft des BRICS-Blocks in Zahlen
Zahlen lügen nicht – und die Zahlen rund um BRICS sind beeindruckend. Lass uns einen nüchternen Blick auf die wirtschaftliche Realität werfen:
| Indikator | BRICS+ (2026) | G7 (2026) | Tendenz |
|---|---|---|---|
| Anteil am globalen BIP (KKP) | ~37% | ~29% | BRICS wächst |
| Bevölkerungsanteil weltweit | ~45% | ~10% | ➡ Stabil |
| Rohstoffkontrolle (kritische Mineralien) | ~60% | ~15% | ⚠️ Strategisch kritisch |
| Globaler Warenhandel (Exportvolumen) | ~28% | ~34% | Lücke schließt sich |
| Ölproduktion (% der Weltproduktion) | ~42% | ~22% | ⚠️ Energiemacht |
Diese Zahlen verdeutlichen: BRICS ist längst kein aufstrebendes Projekt mehr. Es ist eine etablierte wirtschaftliche Kraft, die in bestimmten strategischen Bereichen – insbesondere bei Rohstoffen und Bevölkerungsgröße – die westliche Welt übertrifft.
Das Wachstumsparadox: Warum BIP-Zahlen täuschen können
Es wäre jedoch ein Fehler, BRICS allein nach BIP-Zahlen zu bewerten. Die wirtschaftliche Komplexität, gemessen am Harvard Economic Complexity Index, zeigt ein differenzierteres Bild. Deutschland belegt dort regelmäßig einen der Top-3-Plätze weltweit. China hat sich in den letzten zehn Jahren stark verbessert, liegt aber noch immer deutlich hinter Deutschland, Japan und der Schweiz. Indien, Brasilien, Russland und die übrigen BRICS-Staaten exportieren nach wie vor überwiegend wenig verarbeitete Güter – Rohstoffe, Grundmaterialien und einfache Fertigprodukte.
Das bedeutet für Deutschland: Im hochentwickelten Technologiebereich ist die direkte Konkurrenz noch überschaubar – aber China holt mit rasantem Tempo auf.
Deutschland und BRICS: Zwischen Abhängigkeit und Diversifikation
Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und in keiner anderen großen Volkswirtschaft ist der Anteil des Außenhandels am BIP so hoch. Diese Exportabhängigkeit macht Deutschland besonders vulnerabel gegenüber Verschiebungen im globalen Handelsregime.
Im Jahr 2025 war China nach wie vor Deutschlands wichtigster Handelspartner – zum neunten Mal in Folge. Das bilaterale Handelsvolumen lag bei rund 245 Milliarden Euro, trotz zunehmender Spannungen und Diversifikationsbemühungen. Indien hat sich als einer der am schnellsten wachsenden Exportmärkte für deutsche Güter etabliert, mit einem Wachstum von rund 14 Prozent im Jahr 2025.
Rohstoffabhängigkeit: Deutschlands strukturelle Verwundbarkeit
Ein besonders kritischer Punkt ist die Abhängigkeit Deutschlands von BRICS-Staaten bei strategischen Rohstoffen. Nach dem Schock durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und den abrupten Stopp der Gaslieferungen hat Deutschland zwar seine Energieversorgung diversifiziert – doch bei kritischen Mineralien für die Energiewende ist die Situation noch immer alarmierend.
Rund 93 Prozent des in Deutschland verwendeten Lithiums stammte 2025 aus BRICS-Ländern oder deren Partnerstaaten. Bei Kobalt sind es über 70 Prozent. Seltene Erden? China kontrolliert noch immer rund 60 Prozent der globalen Verarbeitungskapazitäten. Für die Transformation zur Elektromobilität und erneuerbaren Energien – zwei Herzstücke der deutschen Industriestrategie – ist das eine strukturelle Verwundbarkeit.
Praktischer Tipp für Unternehmen: Eine Rohstofflieferketten-Analyse ist heute keine Option mehr, sondern strategische Pflicht. Tools wie der Bundesrohstoffatlas oder das Fraunhofer-Kritikalitätsmodell bieten konkrete Ausgangspunkte für eine realistische Risikoabschätzung.
Wo der Wettbewerb am härtesten wird
Die ehrliche Antwort auf die Frage “Konkurrenz zur westlichen Wirtschaft?” lautet: Ja, aber nicht überall gleich stark und nicht auf die Art und Weise, wie viele es erwarten.
Sektor 1: Automobil und Mobilität
Chinesische Elektrofahrzeughersteller wie BYD, NIO und SAIC haben in den Jahren 2024 und 2025 den europäischen Markt aktiv angegriffen. BYD hat 2025 in Ungarn sein erstes europäisches Werk eröffnet und setzt damit nicht nur auf Exporte, sondern auf lokale Produktion – ein Schachzug, der EU-Zölle umgeht. Im Jahr 2026 wird erwartet, dass chinesische Marken rund 12 Prozent des europäischen Elektrofahrzeugmarktes halten werden.
Für Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW ist das eine existenzielle Herausforderung. Nicht nur auf dem europäischen Heimatmarkt, sondern auch in China selbst, wo der Marktanteil deutscher Hersteller von einst über 25 Prozent auf unter 17 Prozent im Jahr 2025 gefallen ist.
Sektor 2: Grüne Technologien und Solarenergie
China dominiert die globale Solarzellenproduktion mit einem Weltmarktanteil von über 85 Prozent. Windkraftkomponenten, Batteriezellen, Wechselrichter – in nahezu jeder grünen Technologie hat China durch staatlich subventionierte Skalierung eine Kostenführerschaft erreicht, die westliche Hersteller kaum einholen können.
Das Ergebnis: Das letzte große deutsche Solarunternehmen, SolarWorld, meldete bereits 2017 Insolvenz an. 2026 produziert Deutschland de facto keine Solarmodule mehr in industriellem Maßstab. Diese Wertschöpfung ist dauerhaft nach China verlagert.
Sektor 3: Digitale Infrastruktur und KI
Hier ist das Bild differenzierter. China investiert massiv in KI und hat mit Unternehmen wie Huawei, Alibaba Cloud und Baidu internationale Konkurrenzprodukte entwickelt. In vielen Entwicklungsländern – die heute Kernzielgruppen von BRICS-Initiativen sind – dominiert chinesische Technologieinfrastruktur bereits den Markt.
Deutschland und Europa haben in diesem Bereich strukturelle Schwächen. Die fehlenden Tech-Champions auf globaler Ebene machen Europa und Deutschland abhängig von US-Cloudanbietern auf der einen und riskieren zunehmend chinesischen Einfluss in kritischen Infrastrukturprojekten weltweit.
De-Dollarisierung und die Folgen für den Euro
Eines der ambitioniertesten Projekte der BRICS-Staaten ist die schrittweise Reduzierung der Abhängigkeit vom US-Dollar im internationalen Handel. Im Jahr 2025 wurde auf dem BRICS-Gipfel in Kasan das sogenannte “BRICS Pay”-System offiziell als Alternative zu SWIFT vorgestellt – ein Schritt, der global für Aufsehen sorgte.
Für den Euro ist das ein zweischneidiges Schwert. Einerseits könnte eine geschwächte Dollar-Dominanz theoretisch den Euro stärken. Andererseits zeigen die Zahlen: BRICS-Staaten bevorzugen beim internen Handel zunehmend ihre eigenen Währungen – den chinesischen Renminbi, indische Rupien, russische Rubel. Der Euro profitiert von dieser Bewegung kaum.
Nach Daten der BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) ist der Anteil des Renminbi an globalen Zahlungsabwicklungen von unter 2 Prozent (2020) auf rund 5,8 Prozent im Jahr 2025 gestiegen. Noch immer weit hinter dem Dollar (42 Prozent) und dem Euro (22 Prozent), aber die Richtung ist klar.
Chancen statt Angst: Was Deutschland gewinnen kann
Es wäre fatal, die BRICS-Entwicklung nur durch die Angstbrille zu betrachten. Deutschland hat konkrete Chancen – wenn es strategisch agiert.
Chance 1: Infrastrukturfinanzierung und Engineering
Die BRICS-Staaten und ihre Partnernationen stehen vor enormen Infrastrukturinvestitionen. Indien allein plant bis 2030 über 1,4 Billionen US-Dollar in Infrastruktur zu investieren. Deutsche Ingenieurkompetenz – in Bereichen wie Wasseraufbereitung, Schienenverkehr, Brückenbau und Stadtplanung – ist weltweit gefragt. Siemens, Thyssenkrupp Infrastructure und STRABAG haben diese Chancen erkannt und weiten ihre Präsenz in BRICS-Märkten aus.
Chance 2: Nachhaltigkeitstransformation als Exportgut
Alle großen BRICS-Staaten haben ehrgeizige Klimaziele – die Umsetzung ist jedoch komplex. Deutschland hat jahrzehntelange Erfahrung mit Energiewende-Management, Emissionshandel und nachhaltiger Stadtentwicklung. Diese Know-how kann in Form von Beratungsleistungen, Technologieexporten und Bildungspartnerschaften exportiert werden.
Chance 3: Finanz- und Rechtsdienstleistungen
Mit zunehmend komplexen Handelsbeziehungen zwischen BRICS und westlichen Ländern wächst der Bedarf an Vermittlern – Kanzleien, Wirtschaftsprüfern, Compliance-Beratern, die beide Welten kennen. Frankfurt als Finanzplatz kann hier eine Brückenfunktion übernehmen.
Die drei größten Herausforderungen für deutsche Unternehmen
Die Realität des täglichen Geschäfts mit BRICS-Ländern ist komplex. Hier sind die drei drängendsten Herausforderungen – und konkrete Ansätze, wie sie zu bewältigen sind:
Herausforderung 1: Technologiediebstahl und IP-Schutz
Besonders im China-Geschäft ist der Schutz von geistigem Eigentum eine permanente Sorge. Trotz Verbesserungen im chinesischen Patentrecht berichten nach einer Umfrage des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie) aus dem Jahr 2025 noch immer rund 38 Prozent der in China aktiven deutschen Unternehmen von Fällen unerwünschten Technologietransfers.
Lösungsansatz: Modulare Technologiearchitektur – d.h. die Kerntechnologie bleibt in Deutschland, während nur fertige Teilsysteme exportiert werden. Zusätzlich empfehlen Experten eine regelmäßige IP-Audit-Routine in Verbindung mit lokalen Rechtspartnern.
Herausforderung 2: Geopolitische Volatilität und Sanktionsrisiken
Das Beispiel Russland hat es eindrücklich gezeigt: Wenn politische Beziehungen eskalieren, können wirtschaftliche Verflechtungen über Nacht zu Haftungsrisiken werden. Seit 2022 haben deutsche Unternehmen durch den Rückzug aus Russland Verluste in Höhe von geschätzten 12-15 Milliarden Euro realisiert.
Lösungsansatz: Szenarioplanung und politisches Risikomonitoring sollten in jede Markteintrittsstrategie integriert werden. Die AHK (Auslandshandelskammern) bieten länderspezifische Risikoberichte, die als Frühwarnsystem dienen können.
Herausforderung 3: Regulatorische Fragmentierung
Mit einem größeren BRICS-Block werden die regulatorischen Unterschiede nicht kleiner. Produktstandards, Datenschutzregelungen, Zertifizierungspflichten – was in Deutschland gilt, gilt nicht in Indien, China oder Brasilien. Für KMUs, die keine eigenen Legal Teams unterhalten können, ist das oft eine unüberwindbare Hürde.
Lösungsansatz: Cluster-Strategien, bei denen sich mehrere KMUs zusammenschließen, um gemeinsam Markteintritte zu finanzieren und regulatorisches Know-how zu teilen, sind ein bewährtes Modell. Das “German Export Network” hat solche Strukturen in Indien und Vietnam bereits erfolgreich aufgebaut.
Fallstudien: Wie deutsche Unternehmen reagieren
Fallstudie 1: BASF in China – Bet oder Risiko?
BASF hat 2020 begonnen, in Zhanjiang, China, einen vollständig integrierten Chemiepark für rund 10 Milliarden Euro aufzubauen – das größte Auslandsinvestment in der BASF-Geschichte. Im Jahr 2026 ist die Anlage weitgehend in Betrieb. Trotz geopolitischer Spannungen hält BASF an der Investition fest, mit dem Argument, dass der chinesische Markt für Spezialchemie zu groß ist, um ihn zu ignorieren.
Die Strategie ist riskant, aber nachvollziehbar: Wer im chinesischen Markt nicht produziert, verliert Marktanteile an lokale Anbieter. Das “in China, für China”-Prinzip ist für viele große deutsche Konzerne zur Überlebensstrategie geworden – auch wenn es die Abhängigkeit vertieft.
Fallstudie 2: Mittelstand trifft Indien – ein Erfolgsmodell aus Baden-Württemberg
Das Stuttgarter Unternehmen Festo, ein führender Anbieter von Automatisierungstechnik, hat in den Jahren 2023 bis 2025 seine Indien-Strategie fundamental umgebaut. Statt nur zu exportieren, kooperiert Festo nun mit dem Indian Institute of Technology (IIT) in Chennai bei der Ausbildung lokaler Ingenieure und hat eine Produktionsstätte für den regionalen Markt eröffnet.
Das Ergebnis: Umsatzwachstum in Indien von rund 28 Prozent im Jahr 2025 – deutlich über dem Unternehmensdurchschnitt. Das Modell zeigt: Lokalisierung ist kein Rückzug, sondern eine Investition in Marktrelevanz.
Deutschlands Handelsverflechtung mit BRICS-Staaten (2025)
Anteil am deutschen Gesamtexport nach Zielregion (Schätzwerte)
~8,7% (ca. 110 Mrd. €)
~1,9% (ca. 24 Mrd. €)
~0,9% (ca. 11 Mrd. €)
~0,4% (stark gesunken)
~1,3% (wachsend)
*Russland: starker Rückgang durch Sanktionen seit 2022. Quelle: Destatis/GTAI (Schätzwerte 2025)
Häufig gestellte Fragen
Ist BRICS wirklich eine Bedrohung für die deutsche Wirtschaft oder eher eine Chance?
Die ehrliche Antwort ist: beides. BRICS stellt eine strukturelle Herausforderung für bestimmte deutsche Industrien dar – besonders in der Automobil- und Solarbranche, wo chinesische Konkurrenten erhebliche Fortschritte gemacht haben. Gleichzeitig bieten die wachsenden Mittelklassen in Indien, Brasilien und den Golfstaaten enorme Absatzmärkte für deutsche Qualitätsprodukte. Die entscheidende Frage ist nicht, ob BRICS eine Bedrohung oder Chance ist, sondern wie strategisch Deutschland und deutsche Unternehmen damit umgehen.
Könnte ein BRICS-Währungssystem den Euro ernsthaft gefährden?
Kurzfristig – also in einem Zeithorizont bis 2030 – ist die Gefahr für den Euro begrenzt. Das “BRICS Pay”-System steckt noch in den Kinderschuhen und hat erhebliche technische sowie politische Hürden zu überwinden. China und Indien haben zum Beispiel fundamental unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Währung eine potenzielle BRICS-Währung ersetzen sollte. Mittelfristig ist jedoch eine schrittweise Erosion der Dollar- und Euro-Dominanz im internationalen Handel mit BRICS-Ländern zu erwarten – besonders bei Rohstoffgeschäften.
Wie sollte ein mittelständisches Unternehmen seine BRICS-Strategie ausrichten?
Der erste Schritt ist eine klare Priorisierung: Nicht alle BRICS-Märkte sind für alle Unternehmen gleich relevant. Indien bietet 2026 bessere Marktchancen und geringere Risiken als China für viele Mittelständler. Ein konkreter Einstieg könnte über AHK-Netzwerke, Delegationsreisen und Pilotprojekte in ausgewählten Städten erfolgen. Wichtig: Lokale Partnerschaften sind in allen BRICS-Märkten nicht optional, sondern strategisch notwendig. Und: Investiere in regulatorisches Grundwissen über Ihren Zielmarkt – das spart mittelfristig erhebliche Kosten.
Strategischer Ausblick: Deutschland neu positionieren
Die Welt des Jahres 2026 ist nicht mehr die Welt von 2010, als der Westen die Regeln schrieb und der Rest der Welt sie befolgte. BRICS hat diese Gleichung verändert – nicht dramatisch, nicht über Nacht, aber fundamental und dauerhaft.
Deutschland steht vor einer strategischen Weggabelung. Die gute Nachricht: Du musst diese Weggabelung nicht alleine navigieren. Hier ist ein konkreter Aktionsrahmen für die nächsten Monate:
- Marktanalyse neu ausrichten: Überprüfe, welche BRICS-Staaten wirklich relevant für dein Geschäftsmodell sind. Nicht China per se, sondern vielleicht Indien oder die VAE bieten 2026 die günstigsten Risikoertrags-Profile.
- Lieferketten-Audit durchführen: Identifiziere kritische Abhängigkeiten bei Rohstoffen und Vorprodukten aus BRICS-Staaten. Berechne, was es kostet, diese zu diversifizieren – und was es kostet, es nicht zu tun.
- Politisches Risikomonitoring einbauen: Nutze Tools wie die Länderrisikoberichte der AHK, des GTAI (Germany Trade & Invest) und internationaler Ratingagenturen als feste Informationsquellen in deiner strategischen Planung.
- Partner vor Ort aufbauen: In jedem BRICS-Markt gilt: Ohne lokale Verankerung kein dauerhafter Erfolg. Investiere in echte, langfristige Partnerschaften – nicht in kurzfristige Vertriebsabkommen.
- Die Stärken nutzen, die BRICS nicht hat: Rechtsstaatlichkeit, Verlässlichkeit, technologische Tiefe, Nachhaltigkeits-Know-how – das sind Deutschlands Alleinstellungsmerkmale auf dem Weltmarkt. Setze diese aktiv in deiner Positionierung ein.
BRICS verändert die Spielregeln der Weltwirtschaft – aber es ist kein Nullsummenspiel. Deutschland kann in einer multipolaren Welt mehr gewinnen als verlieren, wenn es aufhört, die Vergangenheit zu verteidigen, und beginnt, eine neue strategische Identität zu gestalten.
Die größere Frage, die du dir stellen solltest, lautet nicht: “Wie schütze ich mich vor BRICS?” – sondern: “Wie gestalte ich meinen Platz in einer Welt mit BRICS?” Der Unterschied zwischen diesen beiden Haltungen könnte über Jahrzehnte des Wohlstands entscheiden.
Deutschland hat die industrielle Revolution und zwei Weltkriege überlebt. Es hat die Globalisierung der 1990er gemeistert und den Wiederaufbau nach 2008 geschafft. Die multipolare Herausforderung durch BRICS ist real – aber kein unüberwindbares Hindernis für eine Volkswirtschaft, die Anpassungsfähigkeit zur Tugend erhoben hat.
